Tagesspiegel Plus Ein Torjubel für seine jesidisch-kurdischen Wurzeln: Wie Deniz Undav seine Identität auf die größte Bühne des Fußballs trägt

18 Haziran 2026 17:51

Der deutsche Nationalspieler ist rassistische Beschimpfungen, Vorwürfe des Verrats und Hass aus nationalistischen Kreisen gewohnt. Bei der WM antwortet er darauf auf seine eigene Weise.

Tagesspiegel: Undav'ın gol sevinci Kürt-Ezidi kökenlerine gönderme

Für Deniz Undav gab es am Sonntag mehrmals Anlass für Jubel. So legte der deutsche Nationalspieler beim Auftaktsieg bei der WM in Nordamerika gegen Curaçao nicht nur zwei Tore vor, sondern traf zwölf Minuten nach seiner Einwechslung auch selbst. Das feierte er anschließend mit einem kleinen Tänzchen, bei dem er sich leicht vorbeugte und die Arme hinter dem Rücken verschränkte.

Was nach einem spaßigen Torjubel aussah, war jedoch viel mehr. Es war Teil eines traditionell kurdisch-jesidischen Tanzes und damit Ausdruck seiner kulturellen Identität. Als Undav mal in einem Interview nach seinem größten Vorbild gefragt wurde, nannte er seinen Vater. „Er ist mit nichts hierhergekommen und hat was aufgebaut. Und ich versuche alles, um meinen Vater stolz zu machen und ihm das Zehnfache zurückzugeben, was er für uns getan hat. Er hat wirklich zwei, drei Jobs gemacht, damit wir Kinder alles haben.“

Auf diesem Bild sehen wir Toni Rüdiger und Deniz Undav. Was viele vielleicht nur als Torjubel wahrnehmen, ist weit mehr als das. Dieser Tanz ist ein Ausdruck kultureller Identität.

Als Kurden und Jesiden haben wir keinen eigenen Staat und keine Nationalmannschaft. Umso mehr tragen wir unsere Herkunft im Herzen – überall, wo wir sind.

Es ist kaum in Worte zu fassen, was es bedeutet, jemanden wie Deniz Undav im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. Er steht für Leistung, für Zugehörigkeit und für die Kraft, mehrere Identitäten selbstverständlich miteinander zu verbinden.

Und genauso berührend war der Moment, als sich Toni Rüdiger diesem kurdischen Tanz angeschlossen hat. Darin liegen Respekt, Wertschätzung und gelebter Zusammenhalt. Es sind genau diese Gesten, die zeigen, wie vielfältig und stark unsere Gesellschaft sein kann.

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Undavs Eltern stammen aus der Stadt Viranşehir in der Provinz Şanlıurfa im Südosten der Türkei. Der Vater ist ebenso wie sein Sohn Jeside und Kurde, seine Mutter hat einen syrischen Pass. Sie flüchteten einst in Folge des Militärputsches in der Türkei 1980, bei dem es zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und anschließend zu einem politischen Rechtsruck im Land kam, nach Deutschland. Deniz Undav wurde im niedersächsischen Varel geboren und besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft.

Im Stadion selbst, aber auch in den sozialen Medien, erhielt er zahlreiche rassistische Beschimpfungen und wurde als „Landesverräter“ oder „nationsloser Hund“ bezeichnet. Auf Videos waren zudem Sprechchöre aus dem Publikum zu hören, in denen Fans seine Mutter beleidigten. Eine Form von Rassismus, die auch von der rechtsextremistischen Bewegung der „Grauen Wölfe“ getragen und propagiert wird.

Undav gilt in der türkischen Fanszene als Symbolfigur für Loyalitätskonflikte

Schon Monate vor diesem Spiel in Istanbul wurde der deutsche Nationalspieler Ziel rassistischer Angriffe. Einerseits, weil er mal öffentlich die Bezeichnung als türkischer Spieler ablehnte und erklärte, Kurde zu sein. Andererseits, weil er seine Entscheidung, für das deutsche Nationalteam spielen zu wollen, unter anderem mit dieser Aussage erklärte. „Ich wusste, dass ich bei zwei, drei schlechten Spielen für die Türkei komplett durchbeleidigt worden wäre.“

Seit dieser Entscheidung gilt er in Teilen der türkischen Fanszene als Symbolfigur für Loyalitätskonflikte und ist insbesondere in nationalistischen Kreisen in der Türkei antikurdischen und antijesidischen Schmähungen ausgesetzt.

Mit seinem Torjubel im Spiel gegen Curaçao trug er nun umso stolzer seine kurdische Identität zur Schau. Dass sich sein DFB-Mannschaftskollege und praktizierender Muslim Antonio Rüdiger spontan dem Tänzchen anschloss, war ein Beispiel dafür, wie man die Kraft des Fußballs nutzen kann, mehrere Identitäten und Religionen miteinander zu verbinden.

Schon seit seinem Debüt im Nationalteam im März 2024 gilt Undav als Sympathieträger in der deutschen Nationalmannschaft. Mit seiner authentischen und selbstbewussten Art begeistert er nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. Das liegt auch an seinem märchenhaften Weg an die Spitze des Fußballs. Auf seinen ersten Jugendverein TSV Achim folgte der SV Werder Bremen, wo er aufgrund seiner kleinen Körpergröße aussortiert wurde und sogar ans Aufhören dachte. Aber auch weil sein Vater dafür plädierte, spielte Undav schließlich weiter.

Mit seiner Leistung am Sonntag erreichte diese Karriere ihren vorläufigen sportlichen Höhepunkt. Und angesichts der vielen Anfeindungen, denen Deniz Undav seit Jahren ausgesetzt ist, war sein Jubel nicht nur ein Moment der Freude, sondern ein selbstbewusstes Bekenntnis zu sich selbst. Und ein Zeichen dafür, wie selbstverständlich Vielfalt auf der größten Bühne des Fußballs sichtbar sein kann.