»Wenn du dir die Lehrerzimmer anguckst, wo sind da die Kanaks?«
Sein Buch »Mama, bitte lern Deutsch« ist ein Bestseller. Tahsim Durgun über den Sprachwitz seiner Mutter, migrantenfreie Lehrerzimmer und eine Therapie für Deutschland
In unserer Gesprächsreihe »Meine Schule des Lebens« erzählen prominente Menschen von ihrem Bildungsweg.
DIE ZEIT: Herr Durgun, in Ihrem autobiografischen Buch Mama, bitte lern Deutsch schreiben Sie über Ihr Verhältnis zu den Deutschen: »Es gab Zeiten, in denen ich sehr versucht habe, einer von ihnen zu sein.« Nun haben Sie Germanistik studiert, man hat Sie im Bundestag zitiert, eingebürgert sind Sie auch. Sind Sie ein Vorzeigedeutscher?
Tahsim Durgun: In dieser Aufzählung wirke ich wie ein Paradebeispiel dieser sagenumwobenen Integration. Aber wenn ich darauf höre, was in mir drin vorgeht, bin ich alles andere als ein Vorzeigedeutscher.
ZEIT: Was sind Sie da?
Durgun: Ein kurdischer Junge in Oldenburg. Es gab Zeiten, da wollte ich nichts mit dem Kurdischsein zu tun haben. Heute liebe ich, dass ich all das in mir trage.
ZEIT: Sie wurden 1995 in Oldenburg geboren, als Kind jesidischer Kurden, die aus der Türkei vor Verfolgung geflohen sind. Den deutschen Pass haben Sie erst als Erwachsener bekommen.
Durgun: Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren zu meiner Lehrerin gesagt habe: »Ich mache alles, was die Deutschen verlangen, bald sogar Abitur, warum habe ich diesen Pass nicht? Sie wollen Integration, aber lassen sie nicht zu.« So empfinde ich das bis heute.
ZEIT: Wann haben Sie gespürt, dass Sie nicht dazugehören?
Durgun: So richtig ausgeprägt hat sich das »wir« und »ihr« in der Grundschule. Da habe ich verstanden, dass es noch eine andere Welt gab als die Hochhaussiedlung, in der wir aufgewachsen sind. Gerüstlandschaft nannten wir die. Dort lebten fast nur Ausländer. Als ich in die Grundschule kam, waren da die Deutschen. Die Unterschiede waren ganz banal. So etwas wie die Erdbeermilch, die sich die anderen Kinder in der Pause kaufen konnten. Oder Besuche im Zoo, in den ich nie ging. Einmal die Woche war Spielzeug-Tag, und nur Bilal und ich, die beiden ausländischen Jungs, konnten nichts mitbringen, was man hätte vorzeigen können.
ZEIT: Und Sie waren im Deutsch-Förderunterricht.
Durgun: Das war sicherlich gut gemeint. Nur war Deutsch immer mein stärkstes Fach und die Brutstätte meiner Kreativität. Dass ich da nun mit den Kindern sitzen sollte, die kein Deutsch können, fand ich ungerecht.
ZEIT: Wie war Ihre Kindheit außerhalb der Schule?
Durgun: Die schönste überhaupt. Unser Viertel war eine Märchenwelt für mich. Immer wenn Leute weggezogen sind, gab es Sperrmüll, und wir Kinder haben uns darauf gestürzt. Einmal haben wir eine alte Videokamera gefunden, damit haben wir unsere eigene Serie aufgenommen. Ich bin der Überzeugung, dass diese Kindheit mit wenigen materiellen Dingen meine Kreativität begründet hat.
ZEIT: In Ihrem Buch schildern Sie, wie die Mutter einer Klassenkameradin beim Herbstbasar in der Grundschule über den Börek Ihrer Mutter die Nase rümpfte. Sie sagten zu der Frau: »Dafür haben wir selbst geschlachtet.« War Humor für Sie schon früh ein Abwehrmechanismus?
Durgun: Das kommt aus meiner Familie, so gehen wir auch miteinander um. Dass ich mit Humor reagiere, hat vermutlich auch damit zu tun, dass ich nicht so gut darin bin, auf Gefühle zu reagieren, auch auf meine eigenen.
ZEIT: Am Ende der Grundschule sollten Sie auf die Hauptschule.
Durgun: Meine Mutter hat den Brief nicht verstanden, wusste aber, dass die Hauptschule nichts Gutes war, da war schon meine Schwester. Ich weiß nicht, wie, aber irgendwo hat sie vom Konzept der Gesamtschule erfahren und mich dort angemeldet. Das war mein großes Glück.
Tahsim Durgun (vorne) im Doppelportrait mit seinem Kater Ömer. © Jana Mai für DIE ZEIT
ZEIT: War Bildung Ihren Eltern wichtig?
Durgun: Sie selbst kannten nicht das Gefühl, wie es ist, ein neues Arbeitsheft aufzuklappen oder im Nachbarklassenzimmer Kreide zu holen. Sie kamen nie in den Genuss von Bildung. Für ihre Kinder wollten sie das unbedingt. Und wir sollten gut sein.
ZEIT: Sie standen unter Druck?
Durgun: Es verging kein Tag, an dem mein Vater vor dem Schlafengehen nicht gesagt hat: »Gib dir morgen Mühe in der Schule.« Aber mir hat das gutgetan. Mich hochzuarbeiten, das wollte ich auch für sie schaffen. Meine Mutter hat keinen Elternsprechtag ihrer vier Kinder verpasst. Schüler sind da normalerweise ja raus, aber ich war zum Dolmetschen dabei. Ich sage mal, man hat das auch ausgenutzt.»Deutschland müsste mal in Therapie«
ZEIT: Sie haben bewusst falsch übersetzt?
Durgun: Ich hab schon hier und da verfälscht. Aber man musste immer drauf achten, dass die Reaktion der Mutter dann zu dem Originaltext auf Deutsch passte.
ZEIT: Sie haben gesagt, Ihr Leben habe abseits des deutschen Alltags stattgefunden. Mit den deutschen Behörden hatten Sie dennoch zu tun.
Durgun: Es war nicht so, dass uns tagein, tagaus die deutsche Bürokratie auf den Fersen war. Aber da wir Flüchtlingsstatus hatten, mussten wir einmal im Jahr in die Ausländerbehörde, um unsere Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Oder um endlich einen deutschen Pass zu erhalten – nur ging da nichts voran. Das hat uns viele Sorgen bereitet.
ZEIT: Aber Ihre Eltern haben nicht gesagt: Dieses Land will uns nicht, was sollen wir noch hier?
Durgun: Das Problem bei jesidischen Kurden ist ja, dass nichts Besseres wartet. Wenn du stolz darauf bist, Kurde zu sein, hast du in der Türkei keine guten Karten. Als jesidischer Kurde hast du unter den Kurden selbst keine guten Karten. Da ist Deutschland schon die bessere Variante.
ZEIT: Ihre Eltern leben seit mehr als 35 Jahren hier. Spricht Ihre Mutter die Sprache noch immer schlecht, wie es der Titel Ihres Buches nahelegt?
Durgun: Erst einmal: Ich habe auch einen sehr tollen Vater, aber er hat ganz viel gearbeitet. So hing viel an meiner Mutter. Es ist deshalb keine Überraschung für mich, dass sie bis heute kein gutes Deutsch spricht. Ich würde mir wünschen, dass auch darauf geguckt wird, was sie kann. Meine Begierde nach Sprache, meine Bewunderung dafür habe ich auch von meiner Mutter gelernt, der vermeintlich bildungsfernen Frau. Auf Kurdisch ist sie unglaublich schlagfertig und gewitzt.
ZEIT: Für viele Migranten ist es schmerzhaft, mit der Sprache auch einen Teil ihrer Persönlichkeit zu verlieren, nicht mehr wortgewandt zu wirken, sondern ungebildet. Haben Sie mit Ihrer Mutter mal darüber gesprochen?
Durgun: Für das Buch habe ich lange Interviews mit ihr geführt. Da ist auf jeden Fall Schmerz, aber sie ist noch nicht gut darin, das auszusprechen. Es gab eine Situation, da fing sie an zu weinen, dann riss sie sich schnell zusammen. Ansonsten ist meine Mutter eine sehr unbekümmerte und witzige Frau und unglaublich selbstbewusst.
ZEIT: Was halten Sie vom Begriff Integration?
Durgun: Integration geht in Deutschland immer mit einer Erwartungshaltung einher. Das steht ein bisschen konträr zu dem Bild, wie Deutschland sich selbst verhält. Dieses Land müsste mal in den Spiegel blicken und sich eingestehen, was es ist. Und dann können wir darüber sprechen, was es erwartet.
ZEIT: Was sieht Deutschland denn, wenn es in den Spiegel schaut?
Durgun: Die Bundesrepublik ist seit Jahrzehnten das Zuhause für viele unterschiedliche Menschen, etwa die Arbeitsmigranten, die einst unter dem merkwürdigen Titel »Gastarbeiter« geholt wurden. Es ist offenbar stark in der deutschen Identität verankert, Leute zu holen, aber keinen Bock auf sie zu haben. Deutschland müsste mal in Therapie.
ZEIT: Das Land hat auch viele Menschen aufgenommen, die wie Ihre Eltern vor Verfolgung geflohen sind. Ist es falsch, darin eine Leistung zu sehen?
Durgun: Überhaupt nicht. Ich empfinde sogar große Dankbarkeit für die Chance, die meine Eltern bekommen haben. Und viele andere Menschen konnten sich so eine Existenz aufbauen oder gar das eigene Leben retten – selbstverständlich ist das eine Leistung. Manchmal gibt es aber eine Diskrepanz zwischen politischen Entscheidungen und dem, was in den Köpfen sogenannter echter Deutscher vorgeht. Sehen die es auch als Leistung, dass meine Eltern kommen durften?
ZEIT: In Ihrem Buch gibt es eine Szene, in der Sie bei einer Party rassistisch beleidigt werden und der andere sagt: »Ihr nennt uns auch Kartoffeln, wo ist der Unterschied?« Gibt es einen?
Durgun: Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund sind aufgrund ihrer Herkunft und Erscheinung in so vielen Bereichen des Lebens benachteiligt. Damit hat dieser Justin, nur weil er von mir an irgendeinem Scheißsee in Oldenburg Kartoffel genannt wird, nicht zu kämpfen. Justin wird niemals die Angst spüren, einen Behördenraum zu betreten und nicht zu wissen, wie sein Leben danach aussieht. Justin wird auch niemals wegen seines Namens oder Aussehens Struggle auf dem Wohnungsmarkt haben. Kanake und Kartoffel sind nicht dasselbe.
ZEIT: Die Szene spielt in einer Zeit, als Sie in der Schule längst angekommen waren, an der Gesamtschule ging es für Sie aufwärts. Woran lag das?
Durgun: Das hatte mit meiner Klassenlehrerin zu tun, Jule Sommersberg. Ich habe pure Bewunderung für sie. Sie ist auf meine Stärken eingegangen und hat meine Schwächen auch mal ignoriert.»Friedrich Merz wirkt, als lebe er in einer Wohnung ohne Fenster«
ZEIT: Wir haben Frau Sommersberg gefragt, was ihr zu Ihnen einfällt. Sie hat uns geschrieben, es sei schnell klar gewesen, dass Sie ein außergewöhnliches Kind waren. Ahnen Sie, weshalb?
Durgun: Vielleicht wegen der Klassenfahrt? Die Schule hatte gerade den Umweltschutz für sich entdeckt, und deshalb sind wir nur mit dem Fahrrad nach Friesoythe gefahren, das ist ein Nachbarkaff von Oldenburg. Aber dafür ein TÜV-geprüftes, verkehrssicheres Fahrrad kaufen? Meine Mutter hat mir den Vogel gezeigt. Wir haben, glaube ich, auf dem Sperrmüll ein Fahrrad besorgt, das hatte sogar einen Platten. Die ganze Klasse ist vorangefahren, und ich war 50 Meter dahinter, habe mich geschämt. Aber Frau Sommersberg ist die ganze Zeit im Schneckentempo neben mir hergefahren.
ZEIT: Die Klassenfahrt war die richtige Vermutung. Allerdings hat uns Frau Sommersberg dazu eine andere Anekdote erzählt: dass Sie für die Klasse eine Disco mit salzigen Cocktails organisiert haben.
Durgun: O Gott! Also, ich hatte mir vorgenommen, für die Klasse Cocktails zu machen. Cocktails waren für mich: Leitungswasser mit Lebensmittelfarbe. Na ja, und statt Zucker habe ich aus Versehen Salz reingemacht. War megapeinlich.
ZEIT: Stimmt es, dass Sie in der achten Klasse im Schultheater den Romeo gegeben haben?
Durgun: Krass, Frau Sommersberg hat richtig ausgepackt. Aber es stimmt, wir haben das Stück adaptiert und aufgeführt.
ZEIT: Und Ihre Eltern saßen in der ersten Reihe?
Durgun: Ja. Neben meinen Schwestern und meiner Cousine. Ich hab mich sehr geschämt und hab die nicht angeguckt. Das ist bis heute so: Wenn meine Eltern mir bei der Arbeit zuschauen, ist mir das peinlich. Aber die Bühne mochte ich schon damals.
ZEIT: Wie war es für Ihre Eltern, als Sie Ihren Uni-Abschluss verliehen bekommen haben?
Durgun: Es hört sich dramatisch an, aber mein Abschluss war eine Errungenschaft für die ganze Familie. Als wären wir ein Bauernhof, den man kollektiv bewirtschaftet. Schon mein Abi war ein Rieseneimer Kuhmilch, von dem alle getrunken haben.
ZEIT: Warum danach eigentlich Lehramt?
Durgun: Wenn du dir die Lehrerzimmer anguckst, wo sind da die Kanaks? Ich weiß, was für einen Unterschied das macht, wenn etwa mein Neffe eine Lehrerin vor sich stehen hat, die so aussieht wie meine Schwester. Ich wollte dazu beitragen, dass das in der Schule der Zukunft ein wenig normaler ist.
ZEIT: Stattdessen sind Sie fürs Erste Influencer für migrantische Erfahrungen in Deutschland, haben bei TikTok und Instagram zusammen mehr als eine Million Follower.
Durgun: Ich fände es anmaßend, mich als Galionsfigur von irgendetwas nach vorne zu stellen. Aber es prallt nicht an mir ab, wenn nach Lesungen Jugendliche zu mir kommen und sagen: »Ich habe noch nie in meinem Leben ein Buch gelesen. Deins war das erste. Bitte mach weiter.«
ZEIT: Die Migrationspolitik ist härter geworden, die AfD in Umfragen die stärkste Partei. Wie verändert das Ihre Wahrnehmung von Deutschland?
Durgun: Als Kind und Jugendlicher habe ich mich hier immer sehr sicher gefühlt, trotz der bedrohlichen Ausländerbehörden-Situation. Mein Gefühl war: Ich kann doch nicht abgeschoben werden, ich kenne Kurdistan ja gar nicht, ich kenne nur Deutschland. Von meiner Sorglosigkeit ist nichts mehr übrig. Ja, ich kann nicht mehr abgeschoben werden, ich werde hier alt werden. Aber ich kann auch nicht mehr frei träumen. Werden meine Nichten und Neffen so frei sein, ihren Träumen nachzugehen? Meine Unbekümmertheit ist längst weg. Aber sollte die AfD eines Tages regieren, äre ich trotzdem zutiefst schockiert.
ZEIT: Noch ist Friedrich Merz Kanzler.
Durgun: Ich sehne den Tag herbei, an dem seine politische Karriere zu Ende ist. Friedrich Merz wirkt, als lebe er in einer Wohnung, die keine Fenster hat. Als würde er nicht mitbekommen, was draußen los ist.
ZEIT: Sollte die AfD tatsächlich regieren – könnten Sie dann noch Witze machen?
Durgun: Ich bin jemand, der nicht mit Groll und Frust umgehen kann, ich reagiere dann mit Humor. Ich glaube, Tragik und Komik funktionieren sehr ähnlich, sie lassen sich gut miteinander verzahnen.
ZEIT: Wir haben mit einem Zitat aus dem Buch begonnen, lassen Sie es uns mit einem beenden. Sie schreiben: »Es war so, als hätte ich jedes Jahr versucht, Deutschland zu meinem Kindergeburtstag einzuladen, aber es war nie gekommen.« Wie wäre das heute?
Durgun: Ich weiß nicht, ob Deutschland noch auf der Gästeliste steht.
