„Allahu akbar!“ Die Einzelfall-Lüge von den psychisch kranken Tätern

12 Haziran 2026 19:19

Der Täter ist psychisch krank? Ach, das geht nur Ärzte was an. Da halten wir uns raus, wir, die Gesellschaft, die Politik, die Schulen, die Öffentlichkeit. Das erspart uns die Beschäftigung mit Islamismus.

‘İslamcı saldırılar yalnızca psikolojik hastalıkla açıklanamaz’

Es geschah Ende Mai am Bahnhof Winterthur in der Schweiz, mitten im Morgenverkehr. Ein 31-jähriger Mann sticht wahllos mit dem Messer auf Passanten ein und ruft dabei „Allahu akbar!“ Drei Menschen wurden verletzt, einer von ihnen schwer. Bald stand fest: Der Tatverdächtige war den Behörden seit Jahren durch die lokale Islamistenszene bekannt. Und der Mann war gerade erst aus der Psychiatrie entlassen worden. Dschihad und Wahn, in Personalunion.

Kaum sind die Teelichter am Tatort heruntergebrannt, wird die beruhigende Nachricht nachgeliefert: Es war ein psychisch Kranker! So im Fall Würzburg, 2021. Dort erstach ein Somalier drei Frauen, auch er rief: „Allahu akbar!“ und war zuvor Psychiatriepatient. In Hamburg, 2017, erstach ein Islamist mit attestierten psychischen Problemen in einem Supermarkt einen Menschen. Und, und. Alles „Einzelfälle“.

Als Psychologe und Islamismusexperte widerspreche ich dieser Rede vom „Einzelfall“. Nicht, weil sie jedes Mal fehl am Platz wäre. Sondern, weil sie fast immer zu früh ausgesprochen wird, und weil sie fast jedes Mal Kontexte zuschüttet, die die Öffentlichkeit sehen sollte. Im Sinne von: Krank? Ach, das geht nur Ärzte was an. Da halten wir uns raus, wir, die Gesellschaft, die Politik, die Schulen, die Öffentlichkeit. So wird die Frage nach den Hintergründen der Tat abgeschüttelt. Ein fataler Fehler.

Die Frage ist, was gesunde wie kranke Muslime dazu bringen kann, dass sie glauben, Gewalt im Namen Allahs verüben zu müssen. Zu den brutalsten Taten gehörten jene in New York am 11. September 2001. Die Täter waren keine psychiatrischen Fälle. Trotzdem verübten sie unfassbare Terrorakte.

Immer gibt es Hintergründe. Jeder Täter, ob gesund oder krank, war in Kontakt mit radikalen Inhalten – in Moscheen, im Internet, in Telegram-Gruppen, auf TikTok, in der Sozialisation, durch Ideologie in der Community, in Netzwerken. Und jede solche Tat im Westen ist Symptom dafür, dass das Phänomen des radikalen Islamismus aus der Migrationspolitik ausgeklammert wird. Verstört und gefährlich ist nicht nur der islamistische Täter. Verstörend gefährlich ist auch die gewollte Ignoranz des Phänomens. Lieber sieht man den Täter als Opfer, traumatisiert, diskriminiert, statt zu fragen, welche Ideologie dort nach Europa kam, und wie man sie hier erkennt und bekämpft.

Feindbilder wie „die Ungläubigen“

Erkannt werden muss: Ja, eine psychische Erkrankung kann Ursache dafür sein, dass ein Mensch die Schwelle zur Gewalt überschreitet. Doch eine Diagnose erklärt nie, warum dieser Mensch „Allahu akbar!“ ruft und einem Kalifen die Treue schwört. Psychosen erzeugen Leidensdruck, doch sie liefern nicht von allein Feindbilder wie „die Ungläubigen“. Inhalte werden von außen induziert, und islamistische Ideologie liefert seit Jahrzehnten brandgefährliche Inhalte. Die kranke Psyche ist ohnehin in Brand. Islamistische Ideologie wirkt als Brandbeschleuniger und ist die gefährlichere Hälfte der Erkrankung.

Die Datenlage ist klar. Unter Einzeltätern liegt der Anteil an psychisch Erkrankten bei rund einem Drittel. Organisierte Terrorgruppen sieben psychisch Instabile aus, weil sie ein Sicherheitsrisiko sind. In den Gruppen liegt die Quote bei wenigen Prozenten. Einzeltäter durchlaufen keine Filtrierung, doch auch sie kundschaften Orte aus und nehmen Bekennervideos auf. Der Attentäter von Solingen schwor dem IS die Treue, bevor er zustach. „Krank“ heißt nicht per se harmlos oder auch nur impulsiv.

Diagnosen sind kein Freispruch. Sie werden aber manchmal extra gesucht, mit dem Kalkül, statt in Haft in eine Klinik zu kommen. Als Psychologe habe ich mit verurteilten Islamisten gearbeitet und erlebt, wie untrennbar persönliche Krise und Ideologie verflochten waren. Die jungen Männer hörten von Islamisten: Heute bist du ein Nichts, wir machen dich zum Helden! Radikale Ideologie ist nicht Symptom einer Lebenskrise. Sie ist die Antwort darauf.

Manche, die ich traf, hörten Stimmen, hatten Ängste, Zwänge, Depressionen. Sie suchten Halt in der Religion. So weit, so gut. Doch islamistische Prediger redeten ihnen ein: Du bist nicht krank, es sind Dämonen, Allah prüft dich! Das wirkt entlastend auf die instabile Psyche, die sich leicht manipulieren lässt.

Und hier liegt ein blinder Fleck unseres Gesundheitssystems. Psychiater und Psychologen verstehen ihr Fach, aber kaum etwas von Radikalisierung. Als Gutachter diagnostizieren sie den Wahn und übersehen die Ideologie. So wird, wie in Winterthur, ein hochgefährlicher Islamist als therapierbar entlassen.

Tatsache ist auch, dass Migrationserfahrungen zu psychischen Erkrankungen beitragen können. Wer keine Aufgabe hat, die neue Umwelt nicht einordnen kann, verliert Struktur und Sinn. Enttäuscht, gekränkt und labil wird jemand empfänglich für Ideologie, die Sündenböcke anbietet, wie „die Ungläubigen“ oder „die Deutschen“. Das ist klare, klinische Beobachtung: Misslingende Integration ist selbst ein Faktor, der anfällig macht für Radikalisierung.

Übrigens: Psychologisiert wird vor allem bei islamistischen Straftätern. Kaum einem Leitartikler fällt das bei Neonazis ein, die sind einfach „rechtsextrem“. Doch mit halbierter Wahrheit geht nichts voran. Denn Demokratien sterben nicht an unbequemen Wahrheiten, sie sterben an bequemen Lügen. „Psychisch krank, Einzelfall“ ist eine solche Lüge – nicht, weil jedes Wort daran falsch wäre, sondern weil sie die Gleichzeitigkeit ignoriert und Gesellschaft einlullt, wo sie besonders wach sein müsste.

Diese Wahrheit ist wichtig: Ein Mensch kann krank sein und radikal. Verzweifelt und überzeugt. Das müssen wir verstehen, und danach müssen wir handeln.