„Politiker verstehen das nicht, weil das mit ihrer Lebenswelt wenig zu tun hat“, sagt Güner Balci

17 Haziran 2026 18:57

Nicht nur der Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Unterwanderung, sondern auch die Integrationsbeauftragte Güner Balci aus Berlin-Neukölln. Bei „Markus Lanz“ entbrennt ein heftiger Streit über den Umgang mit dem Islam.

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Der Verfassungsschutz warnt bereits mit gewissem Nachdruck vor einer schleichenden Unterwanderung deutscher Institutionen durch Islamisten. Nicht durch Gewalt, sondern durch die „Hintertür“, hieß es vor einigen Tagen. Die Strategie dahinter sei subversiv: Einfluss erhoffen sich islamistische Akteure wie die Muslimbruderschaft etwa über Moscheevereine, Sozialprojekte und politische Netzwerke, um so gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten.

Auch die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci ist alarmiert: „Da ist das Patriarchat eingewandert“, sagte sie zu dieser Entwicklung bei „Markus Lanz“ am Dienstagabend. „Neben vielen, die sich integrieren, kamen in den vergangenen Jahren auch viele junge Männer, wie aus dem Mittelalter, mit völlig überkommenen Geschlechterbildern.“

Balci erkennt ein „zunehmend reaktionäres Islamverständnis, das sich über Vereine, Verbände und soziale Milieus verbreite“ und eine politische Bewegung, die diese Auffassung „zum Konsens für alle“ erklären möchte. Dazu gehöre aus ihrer Sicht zum Beispiel auch das Fastenbrechen im Bundestag, bei dem Männer und Frauen getrennt werden. Eine Folge sei eine Geschlechtertrennung „quasi schon in der Grundschule“, die zum Normalzustand werde.

Viele politische Entscheidungsträger unterschätzten die Gefahr des „Mainstream-Islam“: „Politiker verstehen das nicht, weil das mit ihrer Lebenswelt wenig zu tun hat.“ Die Realität sehe dagegen so aus: „In den Schulen werden kleine Mädchen vor der Reise in die Heimat vor Zwangsverheiratung gewarnt.“

Zugleich kritisierte Balci, dass notwendige Debatten über Islamismus und problematische Entwicklungen in muslimischen Milieus häufig durch Vorwürfe der Islamophobie oder des antimuslimischen Rassismus erschwert würden und Kritiker nicht selten Diffamierungskampagnen ausgesetzt seien.

Widerspruch kam von der Publizistin und kopftuchtragenden Muslima Khola Maryam Hübsch. Sie bezeichnete die Debatte in der Sendung gleich als „hochproblematisch“. Mehrfach betonte sie, die große Mehrheit der Muslime habe mit Islamismus nichts zu tun. Vor allem ihre Antwort auf die Frage nach der Einstellung zur Homosexualität im Islam löste dann aber doch Diskussionen aus. Nachdem sie zunächst entgegnet hatte: „Das könnten Sie einen Menschen jüdischen Glaubens oder einen Katholiken genauso fragen“, erklärte Hübsch: „Ganz klar, es ist aus religiöser Sicht als Muslim nicht gottgefällig, Homosexualität zu praktizieren.

Hübsch steht seit Jahren mit ihren Positionen in der Kritik, ihre Äußerungen werden unter anderem als Verharmlosung islamistischer Tendenzen bewertet. In der ARD-Sendung „Hart aber fair“, die 2024 eine umstrittene Islamisten-Demonstration in Hamburg thematisierte, erklärte sie damals: „Ich gehöre einer Gemeinde an, die hat einen Kalifen.“ Die Forderung der CDU, Begriffe wie Scharia und Kalifat klar von Deutschland abzugrenzen, bezeichnete sie damals bereits als „Populismus“. Scharia und Kalifat seien zu „politischen Kampfbegriffen“ geworden und in der islamischen Welt zunächst „ganz normale Terminologien“.

Bei „Markus Lanz“ warnte Hübsch erneut davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Aus ihrer Sicht gehören Ausgrenzungserfahrungen und „antimuslimischer Rassismus“ zu den Faktoren, die gesellschaftliche Spannungen verschärfen können. „Wer Extremismus bekämpfen will, muss auch antimuslimischen Rassismus bekämpfen“, sagte sie nun dazu.

Auch die Grünen-Politikerin Lamya Kaddor stellte die Existenz des Problems, dass islamistische Extremisten versuchen, Einfluss zu nehmen, nicht grundsätzlich infrage. „Niemand würde ernsthaft sagen, es gibt keinen Versuch von Menschen, die so einem legalistisch-politischen Islam irgendwie nahestehen, nicht doch auch versuchen, ihre Denke da irgendwie unterzujubeln“, sagte sie bei Lanz.

Kaddor räumte damit ein, dass islamistische Akteure Einfluss auf Gesellschaft und Politik gewinnen wollen. Im Unterschied zu Balci setzt sie jedoch weniger auf staatliche Maßnahmen als auf Reformkräfte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften. Veränderungen müssten aus ihrer Sicht vor allem von Muslimen selbst angestoßen werden. „Wenn wir wirklich was verändern wollen, und das sage ich jetzt wirklich als Muslimin, nicht als Politikerin: Wenn es innermuslimische Bestrebungen gibt, die gibt es ja, von innen heraus was zu ändern, wird das mehr bewirken als von außen.“

Anders sieht das dagegen Sascha Adamek. „Wir haben ein Problem, und zwar ein gewaltiges“, diagnostizierte der Investigativjournalist und Buchautor, der sich seit Jahren mit islamistischen Netzwerken auseinandersetzt. In seinem Buch behauptet er unter anderem, dass in Deutschland rund eine Million Muslime „anfällig für Radikalisierung“ seien, zitiert ihn Lanz.

Vor allem die Muslimbruderschaft, laut Adamek „eine Geheimorganisation“, suche gezielt Anschluss an Politik und Gesellschaft. „Es ist halt so, dass gerade in Berlin diese Muslimbruderschaft Parteien auch infiltriert hat, wie die SPD, wie die Grünen.“ Besonders kritisch sieht er dabei staatliche Fördergelder für problematische Strukturen. Diese Akteure wollten finanzielle Förderung für „Integrationsarbeit, für Bildungs- und Dialogsarbeit.“ Sein Problem dabei: „Das Verrückte ist, den Kampf gegen unsere eigene Freiheit finanzieren wir selbst.“