„Links-islamistische Wagenburg, die keinen Zentimeter Macht hergeben will“

29 Mayıs 2026 17:47

Ein Klima der Angst an deutschen Unis stellt Islamismus-Forscherin Schröter fest: Ein antisemitisches Akademiker-Milieu diffamiere anderslautende Auffassungen als rassistisch oder rechtsradikal. Der Widerstand dagegen formiere sich vor allem außerhalb der Hochschulen.

Alman üniversitelerinde İslamcılık tartışması

Susanne Schröter, 68, ist Ethnologie-Professorin und eine der bekanntesten deutschen Islamismus-Forscherinnen. Sie leitete bis 2025 das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit politischem Islam, Antisemitismus, Migration sowie Konflikten um Identitätspolitik und Wissenschaftsfreiheit.

WELT: Frau Schröter, Sie sagen inzwischen offen: Die Wissenschaftsfreiheit an deutschen Universitäten sei in Gefahr. Warum?

Susanne Schröter: Weil bestimmte Themen an Universitäten faktisch nicht mehr frei diskutiert werden können. Wer über Islamismus, Antisemitismus oder problematische Entwicklungen im postkolonialen Milieu forscht, gerät sehr schnell unter Verdacht, „islamfeindlich“ oder „rechts“ zu sein. Viele Kollegen und junge Wissenschaftler sagen mir inzwischen offen, dass sie bestimmte Forschung lieber lassen, weil sie Angst haben, sonst selbst stigmatisiert zu werden.

WELT: Sie sprechen sogar von einer „links-islamistischen Wagenburg“.

Schröter: Ja, weil sich da inzwischen ein geschlossenes Milieu gebildet hat. Es steht eine links-islamistische Wagenburg, die keinen Zentimeter ihrer Macht hergeben will. Kritik wird sofort als rassistisch oder rechtsradikal diffamiert. Das erzeugt enormen Druck – nicht nur auf Studenten, sondern vor allem auf Wissenschaftler.

WELT: Sie sagen ausdrücklich: Das Problem seien gar nicht in erster Linie die Studenten.

Schröter: Nein. Das eigentliche Problem sind Professoren und akademische Netzwerke, die postkoloniale Theorien lehren und verbreiten. Viele Universitätsleitungen haben Angst vor Konflikten mit genau diesen Milieus. Manche teilen die Ideologie sogar selbst. Dadurch entsteht ein Klima, in dem Wissenschaftsfreiheit zwar ständig beschworen wird, aber praktisch immer enger wird.

WELT: Sie selbst haben erlebt, wie schnell man öffentlich zur Zielscheibe wird.

Schröter: Ja. Gegen mich gab es Demonstrationen, Flugblätter und Forderungen, ich müsse die Universität verlassen. Ich wurde als „antimuslimische Rassistin“ bezeichnet, obwohl ich wahrscheinlich mehr Muslime promoviert habe als viele meiner Kollegen, die sich besonders laut als Antirassisten inszenieren. In meinem Institut arbeiteten Menschen aus unterschiedlichsten islamischen Ländern zusammen – darunter auch sehr religiöse und tief verschleierte Frauen. Das war nie ein Problem. Zum Problem wurde ich erst, als ich nicht nur über den Islam, sondern auch über Islamismus gesprochen habe.

WELT: Sie beschreiben dabei ein paradoxes Bündnis: progressive Aktivisten auf der einen Seite, islamistische Gruppen auf der anderen.

Schröter: Das wirkt nur auf den ersten Blick paradox. Beide Seiten verbindet ein gemeinsames ideologisches Narrativ: der Kampf gegen den Westen. Islamisten haben sehr früh verstanden, dass sie ihre Positionen auf links drehen können. Sie sprechen dann über Kolonialismus, Diskriminierung oder Antiimperialismus – und finden damit Anschluss an akademische Milieus.

WELT: Und Israel spielt dabei eine zentrale Rolle.

Schröter: Absolut. Die Feindschaft gegenüber Israel ist das verbindende Element. Israel wird in postkolonialen Theorien als letzter westlicher Kolonialstaat dargestellt. Das schafft eine ideologische Brücke zwischen linken Aktivisten, islamistischen Gruppen und teilweise sogar rechtsextremen Milieus. Dieser israelbezogene Antisemitismus ist heute tief in akademische Debatten eingesickert.

WELT: Viele Studenten berichten inzwischen, dass sie in Seminaren kaum noch widersprächen.

Schröter: Das höre ich ständig. Junge Wissenschaftler sagen mir offen, dass sie bestimmte Themen nicht anfassen, weil sie Angst haben, beruflich beschädigt zu werden. Wer die „falsche“ Frage stellt, gilt schnell als problematisch. Das erzeugt Mitläufertum und Konformitätsdruck. Ich halte das für zutiefst anti-emanzipatorisch.

WELT: Gleichzeitig fällt immer wieder das Wort „umstritten“.

Schröter: Ja, und das ist ein sehr wirksames Machtinstrument geworden. Sobald jemand als „umstritten“ gilt, wird er nicht mehr eingeladen, nicht mehr zitiert und seine Bücher werden nicht mehr besprochen. Fragt man nach, warum jemand umstritten sei, kommt oft keine sachliche Antwort mehr. Das Label allein reicht inzwischen aus, um Menschen aus Debatten herauszudrängen.

WELT: Woher kommt diese ideologische Allianz zwischen Teilen der Linken und islamistischen Gruppen eigentlich?

Schröter: Historisch spielt der Antiimperialismus eine große Rolle. Bereits seit den 68er-Jahren gab es Kontakte zwischen linken Bewegungen und radikalen palästinensischen Gruppen. Dahinter stand die Logik: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Dieses Denken wirkt bis heute fort. Islamisten sind dabei keineswegs naiv – sie nutzen diese Allianzen strategisch sehr geschickt.

WELT: Ist es so, dass in Deutschland inzwischen ein religiös-traditionelles Islam-Verständnis die Deutungshoheit übernommen hat?

Schröter: Ja. In muslimischen Gesellschaften gibt es häufig einen sehr viel liberaleren und diverseren Alltag. Natürlich kann man da auch in Gruppierungen geraten, in denen es zugeht wie in Deutschland. Eben sehr Scharia-orientiert. Aber das ist eben nicht normal.

WELT: Hat sich die Lage an den Unis in Deutschland in den vergangenen Jahren verschärft?

Schröter: Definitiv. Die Strukturen sind heute wesentlich gefestigter. Wer einmal in Machtpositionen sitzt, holt bevorzugt Leute nach, die ideologisch ähnlich denken. Dadurch entsteht ein geschlossenes System. Viele schweigen inzwischen aus Angst vor beruflichen Konsequenzen.

WELT: Gibt es dennoch Hoffnung?

Schröter: An den Universitäten bin ich eher pessimistisch. Aber außerhalb klassischer Institutionen entstehen neue Medien und neue Räume für Debatten. Das sieht man sehr deutlich. Genau deshalb wird auch dort sofort versucht, maximalen Druck aufzubauen und alles als „rechts“ zu labeln. Trotzdem zeigt diese Entwicklung immerhin, dass sich Menschen nicht mehr vollständig einschüchtern lassen.

In ihrem neuen Buch „Rechts, links, islamistisch: Die wahren Feinde der Demokratie“ (Herder) analysiert Susanne Schröter, wie linke, rechte und islamistische Akteure zusammenwirken.

Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Network, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.