»Eine Schule ist kein Raum für Gebete«
Jeder dritte Berliner Lehrer beobachtet religiösen Anpassungsdruck. Was tun? Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel fordert eine strikte Neutralität an Schulen.
Vergangene Woche hat der Berliner Senat eine umfassende Studie über Gewalt an den Schulen der Stadt vorgestellt. Fast 60 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer schätzen demnach Gewalt unter Schülern als großes oder sehr großes Problem ein. Und ungefähr 30 Prozent beobachten religiösen Anpassungsdruck an ihren Schulen. Gerade dem Bezirk Neukölln wird in der Hinsicht ein Problem nachgesagt. Martin Hikel ist dort Bezirksbürgermeister – und war vorher selbst Lehrer. Ein Gespräch über die Fälle, die bei ihm landen, und darüber, welche Strategien er Schulleitungen empfiehlt.
DIE ZEIT: Im Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer, das am Montag vorgestellt wurde, kam heraus, dass knapp jeder dritte Schüler religiöse Regeln für wichtiger hält als die schulischen Regeln. Herr Hikel, wie blicken Sie als Bezirksbürgermeister von Neukölln auf solche Ergebnisse?
Martin Hikel: Die neue Erhebung bestätigt eine unserer eigenen Befragungen zu konfrontativen Religionsbekundungen in Neukölln von 2021, also religiösem Anpassungsdruck. Da kam heraus, dass manche Schülerinnen und Schüler ihre Glaubensausübung anderen aufzwingen. Da dürfte ein enger Zusammenhang mit den Ergebnissen des Gewaltbarometers bestehen, eben weil eine größere Gruppe sagt: Religiöse Dogmen sind für mich wichtiger als das Grundgesetz oder andere Regelwerke.
ZEIT: Sie waren selbst Lehrer, haben Kontakt zu vielen Schulen: Für welche Konflikte sorgen religiöse Einstellungen innerhalb der Schülerschaft?
Hikel: Religiöser Anpassungsdruck tritt besonders dort auf, wo die Schülerinnen und Schüler bezüglich ihrer sozialen und ethnischen Herkunft besonders einheitlich sind. Das ist oft in den Brennpunkten der Fall und führt dann zum Beispiel dazu, dass alevitische Jugendliche ihren Glauben verbergen, weil es zum Beispiel eine starke Dominanz sunnitischer Schüler gibt. Wenn Jugendliche ihre Identität verstecken müssen, ist das ein Problem für die gesamte Schulgemeinschaft.
Martin Hikel, 40, ist seit acht Jahren für die SPD Bezirksbürgermeister von Neukölln in Berlin, bei den Wahlen in diesem September tritt er nicht erneut an. 2024 wurde er in den Landesvorsitz der SPD gewählt, Ende 2025 trat er vom Amt zurück. © Marcus Glahn für DIE ZEIT
ZEIT: Und das kommt an eher homogenen Schulen eher vor als an stärker durchmischten?
Hikel: Wenn in einer Schulgemeinschaft grundsätzlich viele Kinder und Jugendliche ähnliche religiöse Einstellungen teilen, gibt es weniger Widerspruch gegen die aktivistischen Wortführer. Andere Studien wie der Motra-Monitor vom Bund haben auch gezeigt, dass eine große Anzahl an jungen gläubigen Muslimen islamistischen Vorstellungen nahestehen oder ihnen zumindest nicht widersprechen. Es braucht nur wenige religiöse Eiferer in einer Schule, wenn viele passiv zustimmen. Wenn in einer Klasse von 26 Schülern 15, 16 die gleichen Einstellungen haben, ist es für die einzelnen Lehrkräfte extrem schwierig, dagegenzuhalten. In heterogenen Schulgemeinschaften können diese Konflikte innerhalb der Schulgemeinschaft viel besser natürlich reguliert werden.
ZEIT: Die Wissenschaftler, die im qualitativen Teil der aktuellen Studie auch mit Schulleitungen und Lehrkräften gesprochen haben, berichten von Vorfällen an Schulen, wo Jugendliche während des Ramadan vor den Schultoiletten Wache stehen, damit niemand Wasser trinkt. Was soll eine Schule in einem solchen Fall unternehmen?
Hikel: Natürlich muss man mit den Schülern darüber sprechen: Warum tun sie das? Warum glauben sie, die Freiheit anderer einschränken zu dürfen? Das funktioniert relativ gut, wenn es nur ein paar solche Schüler an der Schule gibt. Wenn allerdings viele sagen: »Das finde ich richtig«, dann haben sie eine andere Problemlage, und es kann sein, dass die gesamte Institution sich diesem Thema widmen muss.
ZEIT: Für ganz Berlin sagen in der aktuellen Umfrage mit 28 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer nur relativ wenige, dass sie die strenge Religiosität ihrer Schüler für ein großes und sehr großes Problem halten.
Hikel: Ich finde, 28 Prozent sind viel, das ist mehr als jede vierte Lehrkraft! Zumal es lokale Schwerpunkte geben wird. Ich würde die These in den Raum stellen, dass es durchaus Schulen in Neukölln gibt, wo das ein dominantes Verhalten ist, und die Lehrkräfte das an diesen Schulen quasi flächendeckend als ein Problem empfinden.
ZEIT: Was hören Sie konkret von Lehrerinnen und Lehrern aus Ihren Schulen?
Hikel: Immer mehr Mädchen tauchen schon in der dritten oder vierten Klasse mit Kopftuch auf. Dabei ist das im Regelfall für 8- bis 10-jährige Mädchen gar nicht vorgesehen. Man könnte das also als einen Indikator dafür sehen, dass eine andere Art des Islams gelebt wird. Viele Kinder fasten auch schon im Grundschulalter und haben keine Kraft für den Unterricht. Gleiches gilt für Kinder in den weiterführenden Schulen. Schulleitungen berichteten auch häufig, dass muslimische Schüler gemeinsam versuchen, Gebetsräume durchzusetzen.
ZEIT: Was halten Sie von Gebetsräumen? Können die Konflikte befrieden?
Hikel: Ich bin kein Fan von Gebetsräumen, weder für Christen noch für Hindus, Buddhisten oder Muslime. Religion ist eine Privatsache und hat aus meiner Sicht in einer Schule nichts zu suchen. Sie sollte im Grundsatz ein säkularer Raum sein. Ich wäre in dieser Frage für eine Grundsatzentscheidung: Eine Schule ist kein Raum für Gebete. Wenn man individuell als Lehrkraft darauf Rücksicht nehmen möchte, dass ein sehr orthodoxer Schüler beten will – okay. Aber als Schule diesen Raum offiziell zu schaffen, halte ich für falsch, da sich dann eine Institution religiösen Regeln anpasst.
»Nicht gelungen, gleichzeitig Rassismus und Islamismus zu bekämpfen«
ZEIT: Die säkulare Schule: Ist das Ihr Vorschlag, um religiöse Dogmatiker zurückzudrängen?
Hikel: Das wäre für mich die einfachste und transparenteste Argumentation. Eine Schule hat meiner Ansicht nach frei von Religion oder ihren Regeln zu funktionieren. Das gilt auch für interkonfessionelle Gebetsräume. Denn da stellt sich sofort die Frage: Wer darf da wann rein, wie muss der Raum gestaltet sein? Schule ist aber ein Raum, wo auch Kinder ohne Bekenntnis hingehen.
ZEIT: In der Studie sagen auch christliche und nichtkonfessionelle Schüler, dass sie religiöse Regeln wichtiger als die Schulregeln finden.
Hikel: Das überrascht mich nicht. Wenn Sie in einer Schulgemeinschaft sitzen, wo sich viele Jugendliche stark mit ihrem Glauben identifizieren und die Botschaft senden, der Glaube sei wichtiger als unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Natürlich ist ein Teil dieser Haltung, ob bei Muslimen, Christen oder Atheisten, auch einfach jugendliche Abgrenzung, also ein Teil der Identitätsfindung. In der Praxis kamen diese Wünsche in Neukölln aber bisher immer von muslimischen Schülern, die stark geprägt sind von bestimmten Moscheen, Onlinemedien oder Organisationen wie Muslim Interaktiv.
ZEIT: Religion raus aus der Schule: Das klingt schwer umsetzbar, wenn so viele Schüler religiös sind.
Hikel: Ja, es ist schwer für eine Schulgemeinschaft, der Diskussion standzuhalten. Das Grundproblem ist, dass Aktivisten versuchen, diese Frage zu politisieren, indem sie behaupten: Wir kriegen keinen Gebetsraum, weil wir Muslime sind, das sei antimuslimischer Rassismus! Das muss eine Schulleitung dann aushalten, sich rechtfertigen, dem widerstehen, die eigenen Regeln erklären. Ich habe Verständnis dafür, dass Schulgemeinschaften dem Druck manchmal nachgeben, auch wenn ich es nicht richtig finde.
ZEIT: Womit erklären Sie den Trend unter Neuköllner Jugendlichen zur Religiosität?
Hikel: Dahinter stehen einerseits jahrelange Diskriminierungserfahrungen in Familien, etwa bei der Arbeitssuche oder auf dem Wohnungsmarkt. Für viele Familien ist die Religion ein Anker, sie kann, wenn man Ausgrenzung erlebt, Halt geben. Das ist erklärbar.
ZEIT: Und andererseits?
Hikel: Gibt es mehr Einfluss des politischen Islams in Neukölln, in Berlin, in Deutschland. Diese Akteure treffen dann auf Menschen, die ihre Identität in Religion suchen. Und die demokratische Gesellschaft hat keinen vernünftigen Umgang damit gefunden, wie man sich dem entgegenstellt.
ZEIT: Weil man über Probleme zu lange nicht sprechen wollte, um keine Vorurteile zu schüren?
Hikel: Es ist uns nicht gelungen, gleichzeitig Rassismus und Islamismus zu bekämpfen. Auch weil behauptet wurde, der Staat diskriminiere Muslime, wenn etwa das Kopftuch für Lehrerinnen verboten wird. Dabei gilt das Neutralitätsgesetz für alle sichtbaren religiösen Zeichen. Oder wenn eine Studie, die religiösen Druck in Schulen feststellt, als rassistisch kritisiert wird. Ich hoffe deshalb, die aktuelle, vom Senat in Auftrag gegebene Studie wird in Bezug auf religiöse Dominanz weitergeführt. Je differenzierter eine Problembeschreibung ist, desto konkreter kann man Lösungsstrategien entwickeln.
ZEIT: Sie scheiden in wenigen Monaten aus dem Bezirksbürgermeisteramt aus. Gehen Sie als Lehrer zurück an eine Schule?
Hikel: Die Befunde des Gewaltmonitors schrecken mich zumindest nicht ab. Damit müssen wir als Gesellschaft umgehen. ne anlatıyor bu röp
