Das ist der mutmaßliche Drahtzieher des Anti-Israel-Terrors in Europa

21 Mayıs 2026 19:32

US-Behörden haben einen Mann festgenommen, der hinter einer Serie von Brandanschlägen auf jüdische und israelische Einrichtungen stecken soll. Nach SPIEGEL-Recherchen reiste er immer wieder durch Europa – und nach Moskau.

Avrupa’daki saldırıların arkasında İran bağlantılı Iraklı milis çıktı

Der Aufruf zum bewaffneten Kampf erreichte seine Anhänger am 9. März, eine gute Woche nach dem Beginn des US-amerikanischen und israelischen Bombardements auf Iran. »Oh Krieger des Islam«, hieß es in der Internetbotschaft. »Verteidigt eure Religion, erhebt euch, so Gott will, zum Dschihad!«

In den Wochen danach flogen in mehreren europäischen Städten Brandsätze auf Synagogen und eine jüdische Schule, auf US-amerikanische Banken sowie auf ein israelisches Restaurant in München.

In den sozialen Medien bekannte sich eine bis dahin unbekannte Gruppe zu den Anschlägen. Ihr Name: Harakat Ashab al-Jamin al-Islamija, kurz Haji. Terrorismusexperten vermuteten iranische Geheimdienste hinter der Terrorwelle. Der Verfassungsschutz sprach von einem irakisch-schiitischen Netzwerk.

Am vergangenen Freitag ließen die US-Behörden den Mann, der die Serie von insgesamt 18 Anschlägen initiiert und orchestriert haben soll, festnehmen. Mohamed Baqer Saad Dawood al-Saadi, so geht es aus der Anklage der US-Justiz hervor, soll nicht nur der Drahtzieher der Anschlagsserie in Europa gewesen sein. Der 32 Jahre alte Iraker versuchte den Ermittlungen zufolge auch, den Terror in die USA zu tragen.

Der SPIEGEL hat das Netzwerk des mutmaßlichen Terrorpaten durchleuchtet. Die Anklage der US-Justiz und die unter Saadis Namen geführten Social-Media-Kanäle zeichnen das Bild eines Mannes, der dem iranischen Regime offenbar treu ergeben war – und im Netzwerk radikalschiitischer Milizen eine führende Funktion ausübte.

Miliz der »Achse des Widerstandes«

Die Anklage bezeichnet Saadi als Führer der Kataib Hisbollah . Die im Irak ansässige Miliz gilt als Teil der »Achse des Widerstandes«. Zu dem informellen Islamistenbündnis gehören unter anderem die palästinensische Hamas, die libanesische Hisbollah und die jemenitischen Huthi-Milizen. Ihr Ziel: die Vernichtung Israels und die Vertreibung der USA und ihrer Verbündeten aus der Region. Die USA stuften die Kataib Hisbollah bereits 2009 als Terrororganisation ein.

Saadi unterstützt die Miliz laut Anklage mindestens seit 2017. Nach Recherchen des SPIEGEL stellte er seine Führungsrolle in der »Achse des Widerstandes« offen zur Schau.

Fotos in den sozialen Medien zeigen ihn an der Seite von Qasem Soleimani. Dieser führte bis zu einem tödlichen Drohnenangriff im Januar 2020 die Quds-Brigaden an, eine Spezialeinheit der iranischen Revolutionswächter, die für Anschläge im Ausland verantwortlich gemacht wird.

Ein offenbar selbst gedrehtes Video zeigt Saadi zudem bei der Beerdigung des 2024 getöteten Anführers der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah. Saadi bekam bei der Zeremonie in einem Stadion in Beirut einen Ehrenplatz: Er stand auf der Bühne, nur wenige Meter von den Rednern. Fotos zeigen ihn zudem mit Söhnen des getöteten Terrorführers.

Angst vor einer Festnahme im Ausland hatte Saadi trotz seiner herausgehobenen Funktion offenbar nicht. Auf Snapchat posierte er am Fuße des Pariser Eiffelturms. Im August 2023 weilte er nach eigener Aussage in Madrid, später auch in Mailand und der Schweiz. Das Profilbild eines von Saadi offenbar genutzten Buchungsportals zeigte ihn in einem Luxushotel in Wien.

Weitere Reisen unternahm Saadi seinen Einträgen in den sozialen Medien zufolge nach Damaskus und Dubai. Fotos zeigen ihn auf einem Paddelboot und vor bedeutenden Moscheen.

Im Juni 2024 posierte Saadi auf dem Roten Platz und später in Sankt Petersburg vor der Erlöserkirche. Im Mai 2025 postete er erneut Bilder aus Moskau – diesmal von einer Waffenmesse, auf der auch Iran mit einem Stand vertreten war. Der Grund seiner Reise geht aus den Einträgen in den sozialen Medien nicht hervor.

Italien entzog ihm 2024 offenbar das Visum

Bemerkenswert ist ein Eintrag vom März 2024. Saadi fuhr demnach »mit einer Regierungsdelegation« nach Mailand. Er sei beim Einreiseversuch des Extremismus beschuldigt und ihm das Visum entzogen worden, heißt es. Er habe den Beamten daraufhin gesagt, sie würden die Konsequenzen ihrer Schikanen zu spüren bekommen. »Sie werden es bitter bereuen, mich freigelassen zu haben«, schrieb der Verfasser des Eintrages, mutmaßlich Saadi.

Auch die Sicherheitsbehörden hatten Saadi nach SPIEGEL-Informationen schon vor Jahren als wichtigen Funktionär der irakischen Kataib Hisbollah auf dem Radar. In die Organisation von Anschlägen außerhalb des Nahen Ostens schien der Iraker zunächst aber nicht involviert gewesen zu sein.

Nach dem 28. Februar änderte sich das. Die USA und Israel bombardierten bei ihren Operationen »Epic Fury« und »Lion’s Roar« Iran. Sie töteten dabei nicht nur den Obersten Führer des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, sondern praktisch die gesamte Führungsriege des Regimes.

»Lasst keinen übrig«

Laut Anklage postete Saadi bereits am Tag des ersten Angriffs eine eindeutige Botschaft: »Tötet jeden, der Amerika und Israel unterstützt. Lasst keinen übrig.«

Keine zehn Tage später, am 9. März, folgte die Botschaft, in der die »Krieger des Islam« zum Dschihad gerufen wurden. Erstmals fand sich dabei auch das Logo der neuen Gruppe, die Experten zunächst nicht eindeutig zuordnen konnten: Harakat Ashab al-Jamin al-Islamija (Haji).

Die arabische Bezeichnung kann übersetzt werden als »Islamische Bewegung der Gefährten der rechten Seite«. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl nicht um eine eigenständige Gruppe. Die US-Ermittler und unabhängige Terrorismusexperten gehen vielmehr davon aus, dass Haji allenfalls eine Untergruppe der Kataib Hisbollah ist. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um ein Label, mit dem Saadi und seine Mitstreiter den Eindruck erwecken wollten, in Europa habe sich eine Widerstandsmiliz gebildet.

Der erste Anschlag folgte noch am Tag des Aufrufs. Vor einer Synagoge im belgischen Lüttich explodierte ein Brandsatz. Wenige Tage später folgen Anschläge auf eine Synagoge im niederländischen Rotterdam sowie eine jüdische Schule und eine US-Bank in Amsterdam. In London fielen vier Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation den Flammen zum Opfer. Weitere Brandanschläge ereigneten sich in einem jüdischen Wohnviertel in Antwerpen, vor einer US-Bank in Paris und im niederländischen Nijkerk.

Am 10. April erreichte die Terrorwelle Deutschland. In München warfen unbekannte Täter nachts Brandsätze in das israelische Restaurant Eclipse . Es folgten Anschläge im nordmazedonischen Skopje und vier weitere Attacken in London.

In den sozialen Medien erschienen auf Kanälen, die der »Achse des Widerstandes« zugerechnet werden, Botschaften, in denen sich die Gruppe Haji zu den Anschlägen bekannte.

Doch offenbar hatten die Terroristen nicht mit Tätern aus den eigenen Reihen losgeschlagen. Sie hatten wohl sogenannte Wegwerfagenten beauftragt, meist jugendliche oder junge Kleinkriminelle, die sich für Geld bereit erklärten, an ausgewählten Orten Feuer zu legen.

Verheizt als Kanonenfutter?

Die Rechtsanwältin Chantal Van den Bosch vertritt einen der Jugendlichen, die für eine Brandstiftung an einem Auto in Antwerpen verantwortlich gemacht werden. Auch diese wird Haji zugeschrieben.

Ihr Mandant sei erst 17 Jahre alt, sagte sie dem SPIEGEL. Für die Tat sei ihm eine überschaubare Summe versprochen worden. »Warum er das Auto anstecken sollte, wusste er nicht. Er wusste auch nicht, dass er bei der Tat von einem Dritten gefilmt werden würde und dass dieses Video im Internet veröffentlicht werden würde«, sagte Van den Bosch. »Diese jungen Leute sind keine Terroristen. Sie werden als Kanonenfutter verheizt.«

Die US-Behörden kamen Saadi offenbar durch einen seiner Mitstreiter auf die Spur. In der Anklage wird der Mann nur als SOI-1 (source of information) bezeichnet. Er versorgte das FBI demnach freiwillig mit Informationen über die Pläne Saadis.