»Sie empfinden sich als bedeutungslos«

18 Haziran 2026 16:39

Die Ideologien unterscheiden sich – aber ziehen Rechtsradikalismus, Linksradikalismus und religiöser Fundamentalismus ähnliche Typen an? Der Soziologe Marc Helbling hat das in einer Studie untersucht.

Araştırma: Radikalleri benzer duygular birleştiriyor

Die Ideologien unterscheiden sich – aber ziehen Rechtsradikalismus, Linksradikalismus und religiöser Fundamentalismus ähnliche Typen an? Der Soziologe Marc Helbling hat das in einer Studie untersucht.

DIE ZEIT: Herr Helbling, Sie haben die Gemeinsamkeiten von Menschen mit extremistischen, mit rechtsradikalen, linksradikalen und religiös fundamentalistischen Einstellungen untersucht. Welche sind das?

Marc Helbling: Der gemeinsame Nenner ist das Gefühl, sozial, politisch und kulturell isoliert zu sein. Diese Menschen sind – oder fühlen sich – sozioökonomisch benachteiligt und empfinden sich als bedeutungslos in der Gesellschaft. Sie glauben, keine Rolle zu spielen. Es sind vor allem junge Männer mit relativ geringer Bildung, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, fundamentalistische, radikale oder extremistische Haltungen zu entwickeln.

ZEIT: Wie lässt sich denn gefühlte Bedeutungslosigkeit messen?

Helbling: Wenn Befragte etwa Aussagen wie diesen zustimmen: »Ich bin unzufrieden mit dem, was ich habe, verglichen mit dem, was andere Leute wie ich haben. Ich fühle mich benachteiligt.« Oder: »Echte Freunde zu finden, wird heutzutage zunehmend schwierig.« Politische Entfremdung lässt sich beispielsweise ermitteln über die Zustimmung zu Sätzen wie »Die meisten Parteien und Politiker sind korrupt« oder »Die meisten Politiker betreiben Politik lediglich zu ihrem eigenen Vorteil«. Wir haben mit unserem Team insgesamt 6.000 Personen in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden befragt. Eine repräsentative Umfrage, bei der Alter, Bildung und Geschlecht der jeweiligen Bevölkerungsstruktur entsprechen.

ZEIT: Wie hoch ist der Anteil der Menschen mit diesen Einstellungen an der Gesamtbevölkerung?

Helbling: In Deutschland ergab unsere Studie einen Anteil von knapp drei Prozent bei religiösen Fundamentalisten, etwas über sechs Prozent bei Rechtsradikalen, rund zehn Prozent bei Linksradikalen und dreieinhalb Prozent bei Menschen mit extremistischen Einstellungen. In den Niederlanden und in Großbritannien waren diese Anteile vergleichbar, nur der der Linksradikalen ist in Großbritannien mit 15 Prozent etwas höher.

ZEIT: Was unterscheidet Extremisten von Radikalen? Die Begriffe werden oft synonym verwendet.

Helbling: Die Trennlinie verläuft entlang der Frage: Will man die Demokratie abschaffen oder nicht? Extremisten wollen sie abschaffen, sie lehnen Demokratie, einen Rechtsstaat grundsätzlich ab. Radikale wollen das nicht. Sie haben extreme Meinungen zu bestimmten politischen Aspekten, Rechtsradikale vertreten ein nationalistisches, rassistisches Weltbild, Linksradikale ein kommunistisches. Radikale lehnen Grundwerte einer liberalen Demokratie ab, aber nicht die prozedurale Demokratie an sich, also Wahlen oder Institutionen.

ZEIT: Und was gilt noch als religiös, was schon als fundamentalistisch?

Helbling: Wer Pluralismus im Feld der Religion grundsätzlich ablehnt, ist dem Fundamentalismus zuzurechnen. Pluralität ist die Basis einer Demokratie. Für Fundamentalisten gibt es nur eine absolute Wahrheit, auch was die Auslegung der religiösen Schriften angeht.

ZEIT: Wenn es diese großen Gemeinsamkeiten gibt – was bewirkt dann, ob jemand rechts- oder linksradikale oder religiös-fundamentalistische Einstellungen entwickelt?

Helbling: Anhand der Befragung lässt sich das nicht direkt beantworten, aber was ich stark vermute: Das jeweilige Umfeld ist der entscheidende Faktor. Die Familie, Freunde, Bekannte, die schon der ein oder anderen Richtung angehören. Es sind die spezifischen Opportunitätsstrukturen, die Gelegenheiten aus dem persönlichen Umfeld, die den Ausschlag geben, ob man sich rechts- oder linksradikal entwickelt oder eben fundamentalistisch.

ZEIT: Welche Rolle spielen dabei soziale Medien?

Helbling: Die Plattformen schaffen mehr Möglichkeiten für Radikalisierung, weil es einfacher ist, mit entsprechenden Gruppen in Kontakt zu kommen.

»Auch hochgebildete Menschen können extremistisch oder radikal sein«

ZEIT: In Frankreich streiten Sozialwissenschaftler seit Jahren über die Ursache von Islamismus. Die einen gehen von einer Radikalisierung des Islams aus, die anderen von einer Islamisierung von Radikalität. Wie sehen Sie das?

Helbling: Diese Frage wird ja auch in Deutschland häufig gestellt: Liegt es an der Religion oder an den sozioökonomischen Faktoren, dass Menschen, in dem Fall Muslime, radikal werden? Ich habe Schwierigkeiten damit, zu glauben, dass es an der Religion an sich liegt. Ich würde den sozialen Aspekten eine größere Rolle zuschreiben und den entsprechenden Opportunitätsstrukturen.

ZEIT: Ihre Studienergebnisse zeigen: Je geringer die Bildungsabschlüsse, umso höher die Anfälligkeit für extremistische Einstellungen. Ist Bildung der wirkungsvollste Hebel gegen Radikalisierung?

Helbling: Bildung und Aufklärung tragen sicher einen Teil dazu bei. Geringe Bildung ist einer der Faktoren, die zu einer höheren Wahrscheinlichkeit führen, extreme Einstellungen zu entwickeln. Es wäre aber falsch, zu sagen: Weil jemand besonders gebildet ist, ist er besonders liberal und tolerant. An einem Studium allein liegt das nicht, die Weichen werden früher gestellt. Welche Einstellungen ich zu Pluralität habe, wie ich mit Menschen umgehe, bildet sich schon im Kindesalter heraus, in der Familie, der Grundschule. Langzeitstudien zeigen: Die Einstellungen zu Toleranz bleiben über das Leben hinweg relativ stabil. Auch hochgebildete Menschen können extremistisch oder radikal sein.

ZEIT: Politische Bildung in der Oberstufe kommt also zu spät?

Helbling: Ich will damit nicht sagen, dass es keine Rolle spielt, was man in der Schule über Toleranz lernt. Aber wenn ich über Extremismus aufkläre, heißt das eben nicht automatisch, dass sich ein Weltbild ändert, das sich schon früh in der Familie herausgebildet hat. Will man Extremismus verhindern, sollte man deshalb nicht erst in den höheren Klassen ansetzen, sondern schon viel früher, im Grundschulalter – dort schon zu lernen, wie man mit Andersartigkeit umgeht.

ZEIT: Sie haben in der Studie auch nach der Legitimierung von politischer Gewalt gefragt. Was kam dabei heraus?

Helbling: Nur ein kleiner Teil der Gesamtbevölkerung, zwischen vier und neun Prozent, würde verschiedene Formen politischer Gewalt rechtfertigen, die Bandbreite reichte dabei von Cybermobbing bis hin zu politischem Mord. Bei Extremisten liegt die Zustimmung weit höher. 48 Prozent würden etwa der Ermordung eines politischen Gegners zustimmen. Auch bei Rechtsradikalen ist dieser Anteil mit 32 Prozent sehr hoch, bei Linksradikalen liegt sie bei 20 Prozent. Bei religiösen Fundamentalisten, Muslimen wie Christen, bei fünf Prozent.

ZEIT: Das sind erschreckend hohe Zahlen ...

Helbling: Wir haben nach der Befürwortung von Gewalt gefragt, nicht, ob jemand sie selbst ausüben würde. Aber natürlich kann auch das bloße Befürworten andere ermutigen, Gewalt auszuüben.

ZEIT: Was heißt es für die Prävention, wenn der Nährboden für die verschiedenen Erscheinungsformen von Extremismus der gleiche ist?

Helbling: Es ist wichtig, die sozioökonomischen und psychologischen Faktoren stärker zu berücksichtigen. Prävention muss den Fokus darauf richten, dass sich Menschen nicht sozial isoliert fühlen und nicht aus dem System fallen.

ZEIT: Wer ist da konkret gefragt?

Helbling: Das ist einerseits eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, indem wir auf unser soziales Umfeld achten und Menschen integrieren. Andererseits ist es wichtig, soziale Ungleichheiten zu mindern und möglichst viele in politische Entscheidungsprozesse zu involvieren. Zur Verhinderung sozialer Isolation spielen viele staatliche oder nichtstaatliche Organisationen wie die Jugendhilfe eine wichtige Rolle. All das kann dazu beitragen, dass dieses Gefühl der Bedeutungslosigkeit gar nicht erst entsteht. tamamı burda. özetle ne diyor