„Die Botschaft: Schließe dich mit anderen Muslimen gegen die Gefahr von außen zusammen“
Der „böse“ Westen und die „unterdrückten“ Muslime: Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide beobachtet Spaltungsversuche von Islamisten im digitalen Raum. Sie verfingen vor allem bei jungem Publikum. Er setzt auf eine Gegenoffensive.
Der Soziologe und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide gilt als einer der bekanntesten Vertreter einer liberalen und weltoffenen Auslegung des Islams in Deutschland. Der 54 Jährige ist Direktor des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster.
WELT: Herr Khorchide, warum braucht es in den sozialen Netzwerken muslimische Influencer mit einem anderen Blick auf den Islam?
Khorchide: In den sozialen Medien kursiert viel Unwahres und Problematisches über den Islam. Selbst ernannte Prediger verbreiten auf TikTok oder in Podcasts kurze, emotionalisierende, aber fragwürdige Botschaften, die viele Jugendliche erreichen.
Seit dem Überfall der Hamas auf Israel hat diese Dynamik zugenommen. Viele Muslime verunsichert das. Gerade junge Menschen lassen sich vom charismatischen Auftritt und vermeintlicher Autorität blenden – ihnen fehlen Anlaufstellen mit echtem Fachwissen.
WELT: Wie wollen Sie gegenhalten?
Khorchide: Am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster bauen wir das Netzwerk „Muslim Aktiv und Weltoffen“ auf. Der Name lehnt sich bewusst an extremistische Formate wie „Muslim Interaktiv“ an. Wir provozieren mit dieser Namenswahl bewusst und glauben, dass junge Menschen so schnell auf uns aufmerksam werden. Wer Fragen zum Islam hat, soll zukünftig uns ansteuern.
WELT: Auf den Accounts finden sich bisher erste Videoschnipsel und Podcast-Ausschnitte, im Juni gehen längere Formate an den Start. Wer gestaltet die Inhalte?
Khorchide: Wir arbeiten mit jungen Studierenden der Universität als Hosts und planen Kooperationen, etwa mit Persönlichkeiten aus dem Sport. Ich bin überzeugt: Ein rein intellektuelles Angebot reicht nicht aus. Wir müssen die Menschen auch emotional erreichen. Glaubwürdige Multiplikatoren sind entscheidend. Ich wünsche mir auch, dass viele Moscheegemeinden in ganz Deutschland selbst bei Social Media mit einem weltoffenen Islamverständnis aktiv werden. Dort findet der Kampf um die Köpfe und Herzen statt.
WELT: Welche islamischen Inhalte dominieren bisher bei TikTok und Co?
Khorchide: Zu oft problematische Inhalte, die auf Spaltung setzen: der „böse“ Westen und die „unterdrückten“ Muslime. Jugendlichen wird eingeredet, sie seien ein Opfer dieser Gesellschaft und müssten sich abgrenzen. Die Botschaft ist: Schließe dich mit anderen Muslimen gegen die Gefahr von außen zusammen. Phänomene wie Muslimfeindlichkeit oder antimuslimischer Rassismus werden dabei von diesen Influencern instrumentalisiert und überzogen dargestellt.
WELT: Anscheinend sehr erfolgreich: Laut der jüngsten Studie „Motra-Monitor“ des Bundeskriminalamts findet fast jeder zweite Muslim in Deutschland unter 40 Jahren Islamismus attraktiv. Viele möchten die religiösen Regeln des Islam als Grundlage der gesellschaftlichen und politischen Ordnung verankern.
Khorchide: Solche Entwicklungen besorgen mich. Religiöser Diskurs darf nicht mit einem Absolutheitsanspruch beginnen. Wenn der Islam zur einzig wahren Ordnung erklärt wird, ist die Gefahr groß, ein Denken in Hierarchien zu verankern: Muslime als Menschen erster Klasse– und alle anderen darunter stehend, als minderwertig.
WELT: Sie betonen, dass der Islam nicht im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Khorchide: Weil diese Frage immer wieder gestellt wird. Ich bin überzeugt: Es gibt kein „Entweder oder“. Wir wollen die Erzählung etablieren: Es geht, Deutscher und Muslim zu sein. Man kann Muslim sein und gleichzeitig die Werte einer demokratischen Gesellschaft vertreten. Diese Vereinbarkeit müssen wir sichtbar machen und wissenschaftlich fundieren.
WELT: Ein zentrales Stichwort Ihrer Arbeit ist der „weltoffene Islam“. Was verstehen Sie darunter?
Khorchide: Ein weltoffener Islam ist ein Islam, der sich als bereichernder Teil der Gesellschaft versteht, nicht als Gegenentwurf. Er ist anschlussfähig an demokratische Werte, an Pluralität und an das Zusammenleben in Vielfalt. Ich vertrete seit Jahren eine Theologie, die stark von der Idee der Barmherzigkeit geprägt ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
WELT: Sie sprechen auch immer wieder Themen wie Gendergerechtigkeit und Frauenforschung an. Welche Rolle spielen sie in Ihrer Vision eines weltoffenen Islam?
Khorchide: Eine zentrale. Gleichberechtigung ist kein Widerspruch zum Islam, wie ich ihn verstehe – im Gegenteil. Viele Quellen lassen sich so interpretieren, dass sie die Würde und Rechte von Frauen stärken. Diese Perspektiven müssen wir stärker erforschen und sichtbar machen.
WELT: Muslimische Hardliner beobachten Ihre Arbeit teils sehr genau. Wie gehen Sie damit um?
Khorchide: Kritik gehört zur Wissenschaft dazu. Gerade wenn man für eine liberale, weltoffene Interpretation des Islam steht, wird man auch angegriffen – sowohl von islamisch-konservativen als auch von politischen Strömungen. Aber genau deshalb ist es wichtig, dass wir aktiv mitgestalten, wohin sich islamische Theologie in Europa entwickelt. Der Islam kann sowohl für den Einzelnen als auch für eine demokratische Gesellschaft eine Bereicherung sein, diese positive Perspektive möchten wir sichtbar machen.
WELT: Sie gehören zu den bekanntesten Islam-Reformen, zeitweise lebten Sie mit umfassendem Personenschutz. Wie besorgt sind Sie heute um Ihre eigene Sicherheit?
Khorchide: Die Morddrohungen, die mich erreichen, bestärken mich in meiner Überzeugung: Ein Islam der Barmherzigkeit ist notwendiger denn je, und am Ende darf nicht Gewalt das letzte Wort haben, sondern die Kraft des Arguments.
WELT: Neben dem Vorstoß im digitalen Raum richtet die Universität Münster auch die erste Islamisch-Theologische Fakultät Europas ein. Welche Bedeutung hat dieser Schritt?
Khorchide: Das ist ein sehr wichtiges Signal – sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich. Es zeigt, dass der Islam und die muslimische Community in Deutschland anerkannt sind und dass eine fundierte, akademische Auseinandersetzung mit islamischer Theologie auf Augenhöhe stattfindet. Münster soll ein Ort sein, an dem Theologie, Gesellschaft und interreligiöser Dialog zusammenkommen.
WELT: Ihr Ziel ist die „Normalisierung im Zusammenleben der Vielfalt“. Wie kann die Fakultät dazu beitragen?
Khorchide: Wir wollen zeigen, wie ein zeitgemäßer Islam in Europa gelebt und gedacht werden kann. Wir bilden hier Imame und Religionspädagogen aus, die später Multiplikatoren sind. Sie tragen dieses Verständnis von Islam in Gemeinden, Schulen und die Öffentlichkeit. Wenn wir hier einen reflektierten, offenen Zugang vermitteln, wirkt sich das langfristig auf die gesamte Gesellschaft aus.
WELT: Sie beraten seit vergangenem Jahr das Bundesinnenministerium und arbeiten in einem Expertenkreis an einem Aktionsplan gegen Islamismus. Wo setzen Sie an?
Khorchide: Zentrale Aufgabe dieses Beraterkreises ist die Prävention von Islamismus und die Bekämpfung islamistischer Strukturen und Ideologien. Dabei stehen heute nicht nur gewaltbereite Erscheinungsformen im Fokus, sondern auch ein politischer Islam, der sich hinter einer demokratischen Fassade präsentiert und darauf abzielt, die freiheitlich-demokratische Ordnung von innen heraus auszuhöhlen.
