Islamforschung im Dilemma: Zwischen Anspruch und öffentlicher Erregung

06 Haziran 2026 17:18

Oft ist derzeit von Vertrauensverlust die Rede. Auch die sozialwissenschaftliche Islamforschung ist damit konfrontiert. Eine Tagung am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster hat sich des Themas angenommen.

Almanya’da İslam araştırmaları ikilemde

"Die Forschung über den Islam ist nicht für Muslime, sondern für tendenziell vor Muslimen-Angst-habende-Nichtmuslime", sagt Naika Foroutan. Sie ist Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung. Verfehlt die sozialwissenschaftliche Islamforschung also ihren Zweck?

Darüber herrscht bei Mouhanad Khorchide Verwunderung. Er ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. "Das musst Du erklären, weil ich dachte, wenn es z.B. um Integration oder Islamismus geht, das betrifft uns doch alle."

Die Untersuchung zeigt rassistische Routinen in deutschen Ämtern. Besonders brisant: Das Innenministerium veröffentlichte die Ergebnisse fast unbemerkt.

Um die 80 Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Medien und Politik diskutierten auf der Tagung in Münster über Verantwortung, Deutungskämpfe und den Umgang mit Forschungsergebnissen. Man könne es als Wissenschaftler eigentlich nur falsch machen in diesem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichen Anspruch, Erwartungen von Politik, Islamverbänden und den Medien. "Es gibt immer eine Seite, die sagt, das kann nicht sein, das ist eine schlechte Studie", meint Mouhanad Khorchide. "Das ist genau, was mit diesem Dilemma gemeint ist. Und das wollten wir thematisieren: Was können wir tun, dass Islamstudien mehr Freiheit genießen und Forscherinnen und Forscher nicht sehr schnell einfach pauschal stigmatisiert werden?"

Mouhanad Khorchide kennt das. 2024 etwa veröffentliche das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster eine Studie zu den Einstellungen angehender Islam- Lehrer. In den Debatten ging es anschließend vor allem um deren antisemitische Ansichten. Die einen fühlten sich bestärkt, die anderen sprachen von Islamophobie. Eine sachliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen fand kaum statt. Auch in den Medien nicht. Viele Nachwuchswissenschaftler möchten dieses Minenfeld nicht betreten.

Dass Muslime in Ost und West oft noch sehr unterschiedlich leben, lässt sich auf die unterschiedliche Migrationsgeschichte zurückzuführen.

Wie kann sich Islamforschung positionieren?

Menschen im Publikum hören aufmerksam einem Vortrag zu

Abdulkerim Senel (r.) während der Diskussion an der Universität Münster.

Anders Abdulkerim Senel. Der Religionssoziologe hat an der umstrittenen Untersuchung mitgearbeitet: "Das hat mich auch nicht davon abgebracht. Wenn man öffentlichen Druck ausgesetzt ist, dann braucht man auch Unterstützung und das habe ich an der Universität Münster gehabt."

Ein anderer Aspekt: Khorchide hat beobachtet, dass staatliche Forschungsgelder spärlicher fließen, wenn unbequeme, kontroverse Ergebnisse zu erwarten sind: "Man will ja zeigen, es funktioniert alles. Der Religionsunterricht, die islamischen Studien, die Theologieausbildung und die Integration. Sonst fühlt sich irgendein Politiker angegriffen oder im Dilemma. Das heißt, ich mache schlechte Arbeit, wenn Muslime nicht gut integriert sind." Wie also kann sich Islamforschung positionieren? Braucht sie ein neues Selbstverständnis? Auch frei nach dem Motto "nur nicht einschüchtern lassen?"

Nicht nur die Probleme aufzeigen, sondern auch Lösungen anbieten

Eine Frau steht am Rednerpult und hält einen Vortrag.

Yasemin El-Menouar am Rednerpult in Münster.

Islamexpertin Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung plädiert für ein Selbstverständnis, das auch moralische Verantwortung einschließt: "Wir formulieren Fragestellungen, und die sind immer geprägt von unseren Perspektiven. Wichtig ist aber, dass wir ergebnisoffen bleiben, transparent sind und auf die Qualität unserer Studien achten." Und dabei nicht nur die Probleme aufzeigen, sondern auch Lösungen anbieten.

Das betrifft dann auch die Art und Weise, wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Yasemin El-Menouar überlegt zum Beispiel sehr genau, inwieweit Fehldeutungen möglich sind, oder ungewollt Stereotype verschärft werden: "Wir versuchen auch, den Blick zu weiten. Nicht immer nur auf Integrationsprobleme gucken, sondern auch darauf, was eigentlich auch Muslime für den Zusammenhalt leisten?" Denn Yasemin El-Menouar ist bewusst, genau wie Mouhanad Khorchide: "Wenn nicht die Wissenschaft sich mit den kritischen Themen auseinandersetzt, gerade zum Thema Islam, machen es immer mehr die Populisten, Rechtspopulisten zum Beispiel."