„Die Öffentlich-Rechtlichen scheißen sich ein“ – Böhmermann & Co. wettern gegen „Cosmo“-Aus beim WDR

12 Haziran 2026 18:09

Andere Künstler, lieber Hip-Hop statt Weltmusik: Der WDR-Rundfunkrat will seine jungen Radiowellen wie „Cosmo“ und „1LIVE Diggi“ neu ausrichten. Stars wie Herbert Grönemeyer, Peter Fox und auch Jan Böhmermann sprechen sich gegen die Reform aus.

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Der Protest gegen die geplante Einstellung des interkulturellen Radiosenders „Cosmo“ durch den Westdeutschen Rundfunk (WDR) wird lauter und breiter. Wie das Bündnis #SaveCOSMOradio mitteilte, hat eine Online-Petition für den Erhalt der Welle mittlerweile die Marke von 100.000 Unterschriften überschritten.

Zu den Unterzeichnern gehören Prominente wie Herbert Grönemeyer, Peter Fox, Jan Delay, Fatih Akin, İlker Çatak und die Band AnnenMayKantereit. Zuvor hatte auch ZDF-Satiriker Jan Böhmermann für den bedrohten Sender geworben.

In seinem Podcast „Fest und Flauschig“ (7. Juni, mit Olli Schulz) sprach Böhmermann zunächst über seine eigenen Erfahrungen mit der Redaktion: Bei „Cosmo“ hätten, Zitat, „die klügsten Menschen gearbeitet, die ich im öffentlich-rechtlichen Radio kennengelernt habe“. Der geplante Umbau würde einfach „mega-schief“ ausfallen, führte er laut einer Zusammenfassung im Kölner „Express“ weiter aus: „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten scheißen sich ein, öffentlich-rechtliche Managements lassen sich politisch unter Druck setzen – und machen Dinge, von denen ich glaube, dass sie sie in ein paar Jahren wieder bereuen werden.“

Schwerpunkt künftig Weltmusik statt Hip-Hop

Der WDR-Rundfunkrat hatte die Neuausrichtung der jungen Radiowellen jüngst mit knapper Mehrheit gebilligt. Laut Beschluss des Gremiums soll „Cosmo“ im April 2027 eingestellt und durch das Format „1LIVE Street“ ersetzt werden. Außerdem wird die Welle „1LIVE Diggi“ in „1LIVE Lounge“ umbenannt. Kritiker warnen vor einem Verlust an inhaltlicher Tiefe und kultureller Vielfalt. Vor allem die Umgestaltung von „Cosmo“, dessen Schwerpunkt künftig von Weltmusik auf Hip-Hop verlagert werden soll, erregt die Gemüter. Bemängelt wird auch, dass mit dem Aus von „Cosmo“ auch zahlreiche muttersprachliche Formate wegfallen würden.

Hier setzte auch Böhmermanns Kritik an. Gespart werde, so der Entertainer, ausgerechnet dort, wo der WDR eigentlich tätig werden müsste und dies auch grandios erledigt habe: „Dinge wegzustreichen, die zum Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags gehören, ist wirklich das Dümmste, was man machen kann.“

Dass nun ausgerechnet ein gelungenes Nischenprogramm wegfalle, während gleichzeitig eine Fülle an Mainstream-Angeboten bleibe, sei doch wohl ein Unding, wetterte der 45-Jährige weiter: „Warum gibt es 80.000 verschiedene Popwellen? Alles der gleiche Bums, die gleichen Lieder, die gleichen austauschbaren Moderationen.“

Die WDR-Pläne seien „das Allerletzte, das Allerdümmste“, so Böhmermann weiter.

WDR verteidigt sich

Der WDR verteidigte sich in einer Pressemitteilung damit, dass auch das neue Format „1LIVE Street“ – genauso wie „Cosmo“ aktuell – eine kulturell diverse, urban orientierte Zielgruppe ansprechen solle. „Passend zum im WDR-Gesetz festgelegten Auftrag zur Stärkung des interkulturellen Zusammenlebens bleibt kulturelle Vielfalt zentrales Thema des Senders“, heißt es in der Mitteilung.

Besonders deutlich gegen die Veränderungen positioniert sich der Deutsche Musikrat. Generalsekretärin Antje Valentin betonte, dass migrantische Stimmen und Perspektiven ein Anrecht auf Präsenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hätten. Sie forderte einen „ARD-Schulterschluss für COSMO 2.0“.

Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte sei der Sender bisher der einzige Kanal, der ihre Lebenswirklichkeit in den Mittelpunkt stelle. Der Informations- und Kulturauftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelte allen Menschen in Deutschland.

„Cosmo“ soll fortan für eine „bunte Gesellschaft“ stehen

Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) verteidigte die WDR-Programmdirektorin für Kultur, Andrea Schafarczyk, die Entscheidung. Das Angebot komme noch „aus einer völlig anderen Zeit“, sagte Schafarczyk demnach. Gesellschaft, Mediennutzung und Ansprüche an das Radio hätten sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert, so die Programmchefin.

„Damals sind Menschen nach Deutschland gekommen, denen wir ein Angebot machen wollten, damit sie gut hier ankommen. Heute ist alles viel breiter. Menschen aus sehr unterschiedlichen Nationen und mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen sind hier – und diese Menschen nutzen auch Medien sehr unterschiedlich.“ Diesem Bedürfnis könne ein linearer Kanal wie „Cosmo“ nicht mehr gerecht werden. „Wir müssen schauen, wie wir passgenauere Angebote machen, die die Zielgruppe auch wirklich erreichen“, betonte Schafarczyk.

Multikulturelle Themen sollen künftig in allen „jungen Programmen“ integriert werden, kündigte die Programmdirektorin im Gespräch mit der KNA an. „Unsere Gesellschaft ist bunt, das muss sich in allen Programmen zeigen.“

Mouse on Mars geben Preis aus Protest zurück

Der Widerstand wird von einer recht breiten Allianz getragen. Mehr als 500 Organisationen aus Kultur, Wissenschaft und Medien wandten sich bereits in einem offenen Brief an die ARD-Intendanzen. Sie sprechen sich gegen die Streichung muttersprachlicher Programme und den damit verbundenen Verlust einer wichtigen Plattform für „Global Pop“ in Deutschland aus.

Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ etwa wies in ihrer Pro-Cosomo-Stellungnahme daraufhin hin, dass sich beispielsweise die kurdische Sprache in einer prekären Situation befinde, da diese praktisch in allen Ländern, über die sich die ursprüngliche Heimatregion der Kurden erstreckt (Türkei, Syrien, Irak und Iran), unterdrückt werde.

Als symbolischen Akt des Protests gab das Elektronik-Duo Mouse on Mars jüngst seine im Jahr 2000 gewonnene „1LIVE Krone“ an den WDR zurück. Die Musiker bezeichneten die Abwicklung von „Cosmo“ als „verheerenden Rückschritt in Zeiten reaktionären Denkens“ und als Zeichen gegen Weltoffenheit.